Marianne Gräbner - Filmriß, aus Epilepsie neu gesehen
Krankheit
Große Depression
Sich ausgestoßen fühlen
Schlimme Anfälle - große Einsamkeit
Epilepsie
Sandra Szymora, 13 Jahre)
Die neunjährige
Nadine träumt neuerdings ständig in der Schule. Sogar bei
Diktaten rutscht ihr der Füller runter und macht hässliche
Striche. Erst drei Worte später schreibt sie wieder mit.
Manchmal träumt sie einfach weg und schreckt erst nach
mehrmaliger Ansprache auf. Sie kann sich dann nicht an das
vorher Gesagte erinnern.
Bei genauerer Beobachtung stellen die Lehrerin und die Mutter
fest, dass Nadine täglich über 100 Aussetzer hat. Ein
Kinderneurologe diagnostiziert mit Hilfe eines EEGs eine
typische Schulkind - Absencen - Epilepsie. Mit dem
eingeschlichenen Antiepileptika ist Nadine bald anfallsfrei,
aber in der ersten Zeit verlangsamt. Auch zittern ihre Hände
stark und sie malt nicht mehr gerne, dafür spielt sie lieber
Geige.
Direkt vor der Schultür seines Gymnasiums stürzt Tobias zu Boden und schlägt heftig um sich. Sein Freund und ein Lehrer bemühen sich, ihn zur Ruhe zu bringen, indem sie ihn festhalten und beruhigend auf ihn einreden. Nach ca. 1 ½ Minuten sind sie mit ihren Bemühungen erfolgreich, wie sie meinen. Erst später erfahren sie, dass sie Tobias damit nicht geholfen haben, sondern ihm sogar die Arme und Beine hätten brechen können. Mit der Begründung, die Schule habe keinen Ruheraum und auch keine Aufsichtsperson, möchte der Rektor und der Klassenlehrer Tobias auf eine andere Schule schicken. Auch haben sie gehört, dass bei jedem Anfall Gehirnzellen absterben und Tobias dann sowieso bald das Gymnasium verlassen muß. Im Gespräch mit der Mutter und einer Vertreterin des Landesverbandes Epilepsie Bayern e.V. stellt sich heraus, dass Tobias eine Juvenile Aufwach-Epilepsie hat, d.h. Anfälle treten nur innerhalb von 2 Stunden nach dem Aufwachen auf. Er wird in Zukunft früher aufstehen, um in der Schule anfallsfrei zu sein.
Jasmin ist gerade eingeschult worden. Sie hat große Probleme sitzen zu bleiben und sich zu konzentrieren. Ständig springt sie auf und schiebt Stühle durch den Klassenraum. Sie lässt sich nicht von der Lehrerin beruhigen und bremsen. Erst nach einiger Zeit setzt sie sich von selbst wieder hin. Sie wirkt dann sehr verwirrt und kann sich angeblich nicht daran erinnern, was sie getan hat.Der Kinder-Neurologe bestätigt die Vermutung der Lehrerin, dass Jasmin eine komplex-fokale Epilepsie hat. Mit der medikamentösen Therapie verringern sich die Anfälle signifikant und Jasmin fühlt sich wohler in ihrer neuen schulischen Umgebung
Florian, 8 Jahre, wird als ruhiges, freundliches Kind beschrieben. Aber manchmal steht er einfach auf und beschimpft die Lehrerin mit "Du altes Arschloch". Dann wird er rot und setzt sich wieder hin. Trotz vieler Gespräche und Strafen hört er damit nicht auf. Die ganze Familie wird mit einbezogen - bis hin zu therapeutischen Sitzungen - aber auch das hilft nichts. Florian meint, er wisse, was er tun will und tut, aber er kann den Ablauf Aufstehen - zum Lehrer gehen - Beschimpfung - wieder zum Platz zurück gehen - nicht unterbrechen. Erst nach mehreren schweren Jahren wurde durch Zufall bei Florian eine einfach-fokale Epilepsie diagnostiziert. Mit der richtigen Medikamentierung hörte schlagartig das ungehörige Verhalten auf.
Brief der Schulleitung an die Eltern
Grundschule Epilingen
Fallweg 12
87175 Epilingen
An die Eltern von Florian
Sehr geehrte Eltern,
wir bitten Sie dringend um ein Gespräch mit der Lehrerin Ihres Sohnes Florian und der Schulleitung. Florians Verhalten der Lehrkraft gegenüber ist derart ungebührlich, dass wir über ernsthafte Konsequenzen nachdenken müssen.
Mit freundlichen Grüßen
(Schulleiter)
Dominik, 13 Jahre, 7. Klasse Realschule, ist bekannt als ein
kritischer Geist. Er packt in der 5. Stunde - Biologie - seine
Büchertasche und verlässt wortlos das Klassenzimmer. Auf den
Protest der Lehrkraft reagiert er in keiner Weise. Zielstrebig
verläßt er das Schulgebäude. Er läuft bei Rot über die
Fußgängerampel, wird von einem Auto erfasst und leicht
verletzt.
Der Notarzt äußert den Verdacht auf einen komplex fokalen
Anfall.
Die Eltern bestätigen in der Klinik diese Vermutung.
Sie haben bisher die Epilepsie in der Schule verschwiegen, aus
der Angst heraus, ihr Sohn müsste zurück an die Hauptschule.
Situationen und Begebenheiten wie in den vorgenannten Beispielen
finden sich im Schulalltag epilepsiekranker Kinder und
Jugendlicher in den unterschiedlichsten und ungewöhnlichsten Formen.
Gibt es doch über 80 verschiedene Anfallsarten.
Immer jedoch stehen die Ängste der betroffenen Familien - die
Fehlinterpretationen auf Grund mangelnder Information, die
Vorurteile, deren Wurzeln bis in vergangene Jahrhunderte reichen und
die Stigmatisierung im Dritten Reich im Hintergrund.